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Freier Wille

Freier Wille

Seit ein paar Tagen macht sich die Gewissheit in mir, Rieke, breit, dass es bald wieder zurück nach Hause geht: auf der einen Seite freue ich mich wahnsinnig auf daheim. Schon vor einigen Monaten hatte mich die Schwangerschaft mit unangenehmen (nicht weiter schlimmen) Nebenwirkungen an meine Grenzen kommen lassen. Ich wollte manches Mal einfach nur nach Hause. Dahin, wo mir alles vertraut ist. Wo die Toiletten sauber sind und ich sie mit niemandem teilen muss. Wo der Supermarkt gleich um die Ecke ist und Freunde und Familie per öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden können. Zurück in die Komfortzone quasi.

Auf der anderen Seite wächst in diesen Tagen die Erkenntnis: diese schier grenzenlose Freiheit, die wir gerade genießen, werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit bald los sein. Es hat besonders bei Torsten eine Weile gedauert: sich nicht mehr von der Zeit auf der Uhr diktieren zu lassen, mehr im „hier und jetzt“ zu verweilen (ich schreibe bewusst „verweilen“ und nicht nur „sein“): wenn man jahrelang immer termingetrieben war, sei es beruflich oder privat, dann schüttelt man das nicht so leicht ab. Ich hatte ja schon einen kleinen Reisevorsprung und dementsprechend war meine Tiefenentspanntheit bereits eine andere. Nach sechs gemeinsamen Monaten auf Reisen sind wir jetzt mehr oder weniger gleichauf und es macht mich glücklich zu sehen, wie Torsten entschleunigt. Wir erleben viele Situationen viel intensiver. Auch für mich war das anfangs schwierig: im Radio sind manchmal Sekunden entscheidend – da lässt man sich nicht plötzlich von jetzt auf gleich treiben.

Mittlerweile ist die Zeit in unserem kleinen Campervan „Wilma“ absehbar: in sechs Wochen fliegen wir zurück in unser altes, neues Leben. Und auch das wird wieder ein Abenteuer. Wir haben keine Wohnung und kommen erstmal bei sehr guten Freunden unter. Wir werden Eltern, im Juli ist Geburtstermin. Wir haben beide keinen Job, wollen – vorausgesetzt unser Nachwuchs ist gesund und wohlauf – noch ein wenig in Europa reisen, bevor wir uns dann langsam aber sicher Gedanken machen werden müssen, wie und wo es weitergeht.

Schon während unserer Reisevorbereitung haben wir von Menschen wie euch Bewunderung, Erstaunen und positiven Neid gespürt. „Boah, das würde ich auch gern!“ – ein oft gehörter Satz in unsere Richtung. Mehr denn je ist uns klar: es liegt an einem selbst. Jeder, wirklich JEDER von uns allen hat die Möglichkeit sich für einen Weg zu entscheiden. Oder eben einen anderen. Es hängt nicht ausschließlich davon ab, wie viel Geld auf dem Konto ist. Oder wie der Beziehungsstatus ist. Oder an den fehlenden Sprachkenntnissen. Selbst mit teilweise stark einschränkenden Behinderungen reisen Menschen: die Entscheidung, überhaupt aufzubrechen, ist am Ende eben entscheidend.

Auch heute noch schreiben uns Menschen, die virtuell mit uns reisen, und auch jetzt noch lesen wir Sätze wie: „Vielleicht traue ich mich das irgendwann ja auch mal…“. Wir glauben nicht, dass jeder Mensch mal weit gereist sein muss, um eine innere Zufriedenheit zu spüren. Sollte dieses hartnäckige Fernweh-Feuer allerdings in euch brennen, dann lasst euch gesagt sein: traut euch. Nach mehr als 20.000km haben wir noch nicht einen einzigen Menschen getroffen, der das Reisen bereut. Und ja, auch ungeplante Ereignisse gehören dazu: während ich das hier schreibe stehen wir mitten im Nirgendwo in den kargen Weiten vom südlichen Feuerland. Gestern Abend hat unser Lichtschalter in Wilma den Geist aufgegeben. In Verbindung mit einer sehr spartanischen, kilometerlangen Schotterstraße ohne auch nur einer Möglichkeit zum rechts ran fahren und einer ebenso langen Baustelle mit der irgendwann einmal neuen Straße parallel zur Schotterpiste blieb uns nichts anderes übrig, als IN die Baustelle zu fahren und dort zwischen Warnbaken zu übernachten. (Gerade verkündet Torsten von unterm Lenkrad aus, er habe irgendwas überbrückt und wir hätten bis zur nächsten Stadt mit Werkstatt provisorisch Licht! Ich liebe diesen Mann!) Was ich sagen will: es geht doch weniger um das Reisen, sondern um darum, etwas zu tun, wovon man schon lange (und vielleicht sogar heimlich) geträumt hat, aber warum auch immer wurde nie der Fokus darauf gesetzt, diesen Traum endlich in die Wirklichkeit umzusetzen. Das kann so Vieles sein: ein Jobwechsel vielleicht, weil man in Wirklichkeit eben kein Buchhalter, sondern viel lieber Kindergärtner sein will. Auch noch mit Mitte 40. Oder die Trennung vom Partner, weil in Wirklichkeit alle wissen, dass diese Beziehung totaler Murks ist – man selber weiss das auch, gesteht es sich aber nicht ein, weil man Angst vor der Zukunft hat. Die Entscheidung, endlich einen Hund zu kaufen, auch wenn alle sagen „das macht doch viel zu viel Arbeit und Abhängigkeit!“ – oder vielleicht, wie in meinem/unseren Falle, Eltern zu werden. Zugegeben, das war so nicht geplant. Und nochmal zugegeben, ich, Rieke, hatte anfangs meine Schwierigkeiten das alles zu akzeptieren, denn ich wollte nie wirklich Kinder. Ich wollte frei sein. Meine Ruhe haben. Keine Verantwortung übernehmen müssen. Nicht abhängig sein. Weil eine Abtreibung für mich jedoch nie eine Option war, musste ich mich schlichtweg mal selber fragen, was überhaupt mein Problem bei der ganzen Sache ist. Und da war sie wieder: die Angst. Die Angst davor, irgendwas nicht schaffen zu können. Und es dann doch lieber komplett zu lassen. Was für ein Schwachsinn.

Ich werde jetzt also Mutter, entgegen aller Prognosen, die ich in meinem bisherigen Leben gemacht habe. Mich überrascht es selber wie gelassen ich diesbezüglich mittlerweile bin. Und ich denke mir: na wenn ich mich dieser manchmal unerklärlichen Angst vor „was-auch-immer!“ stellen kann, dann könnt ihr das schon lange. Insofern: wir hoffen, dass der Ein- oder Andere nach dem Lesen dieses Beitrages sich an den Eiern gepackt fühlt und endlich den Schneid hat, Träume Wirklichkeit werden zu lassen. Nach dem ersten Schritt geht es fast von alleine!

 

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