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BOLIVIEN: weit oben

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BOLIVIEN: weit oben

Über Bolivien wussten wir vor unserer Reise nicht wirklich viel: dass es insgesamt ziemlich weit oben in den Bergen liegt und, dass es eines der ärmsten Länder Südamerikas sein soll. Beides würden wir tatsächlich so bestätigen, aber der Reihe nach: die Anreise über Peru an einem wirklich mickrigen Grenzübergang (Schotterstraße, Zollhaus, Schlagbaum, fertig) am tiefblauen und schilfumrandeten Titicacasee verläuft total unspektakulär und problemlos. Immer wenn wir eine Grenze überqueren ist ein bisschen Anspannung mit dabei: haben wir alle nötigen Dokumente vollständig? Will irgendein grummeliger Grenzbeamter eine „Sonderzahlung“ von uns? Kriegen wir Wilma ohne Stress mit rüber? Bisher hatten wir immer Glück und bis auf die Tatsache, dass „Anstehen“ in Südamerika offensichtlich grundsätzlich als eine Art Volkssport gilt, hat uns noch nichts so richtig aus der Bahn geworfen.

Und da liegt es dann also vor uns: Bolivien. Sieht erstmal nicht bergig aus sondern eher flach, die Ufer des Titicacasees ziehen über viele Kilometer gemächlich an unseren Fenstern vorbei, und dennoch: wir sind weit oben, kaum merkbar, auf einer Höhe von 3800 Metern.

Die Sonne brennt uns auch hier innerhalb von wenigen Stunden ein pieksendes Rot auf die Haut weil wir Trottel aufgrund der leichten Brise und den deutlich frischeren Temperaturen im Schatten mal wieder vergessen, uns rechtzeitig einzucremen.

Was uns hier sofort auffällt: es wird weniger gehupt (im Vergleich zu Peru ist „mehr“ auch nicht möglich!) und es geht im Straßenverkehr gesitteter zu, was wohl auch an der Tatsache liegt, dass es hier eben insgesamt weniger Menschen gibt. Gut, auch hier grasen am Straßenrand wollige kleine Schweinchen und angebundene Schafe und imposante Lamas, aber die lassen sich von uns eher weniger stören. Wir müssen mit einer „Fähre“ (siehe Foto, das schmale aus langen Holzbohlen gebaute Boot ist hier offiziell eine Fähre!) für wenig Fährgeld über das Wasser und dann wird es doch ein wenig hügeliger.

Sobald wir den „Ballungsraum“ Titicacasee hinter uns lassen, beginnt die große, langzogene Weite. Die Hauptstraßen sind auf den ersten Blick überraschend gut ausgebaut und führen durch kleine, einfache Dörfer. Wir sehen laaaaange Zeit nichts, dann wieder ein Dorf, dann wieder nichts. Und dann, ganz plötzlich, werden die einfachen roten Ziegelhäuschen am Straßenrand mehr. Und mehr. Die Straße wird voller, Kleinbusse, Autos, Motorräder: alle wollen in dieselbe Richtung. Der Asphalt verschwindet, Schotter macht sich breit wie die Frage: sind das hier jetzt noch zwei Spuren oder doch vier? So richtig scheint das keiner zu wissen und so machen wir das, was wir immer tun: wir passen uns an, ignorieren gelernte Straßenverkehrsregeln, wuseln uns irgendwie durch und sind, ohne, dass wir es wirklich gemerkt haben in der Stadt „El Alto“. Der Name ist hier Programm: „El Alto“ bedeutet soviel wie „Der Hohe“: die Stadt liegt am Rande von La Paz auf 4000 Metern Höhe und könnte auch genau so gut „Die Staubige“, „Die Chaotische“ und „Die stetig Wachsende“ heißen: hier herrscht Chaos, zumindest für uns. Wochenmärkte versperren den Weg (wir sind doch schon auf einer Umleitung, weil die Hauptstraße komplette Baustelle ist!), Kleinbusse halten ohne Vorwarnung mitten auf der Spur an, von links pfeift ein Verkehrspolizist in seine Pfeife, von rechts kommt noch mehr Verkehr, LKW werden mit Unmengen von Gemüsesäcken entladen…und irgendwie funktioniert es eben doch alles. Wir sind mal wieder nur baff. Ohne Vorwarnung geht „El Alto“ plötzlich in „La Paz“ („Der Frieden“) über und das merken wir ausschließlich an der sich verändernden Topographie: es geht abwärts. La Paz erstreckt sich über roundabout 800 Höhenmetern. Ihr müsst euch ein riesiges, von Wind und Wetter zerklüftetes Tal vorstellen: genau da ist La Paz hineingebaut und platzt mittlerweile so sehr aus den Nähten, dass die roten Häuserdächer dicht an dicht und hoch bis an den steilsten Rand dieses Tals und gefühlt sogar übereinander gebaut werden. Wir blicken auf ein nicht enden wollendes Häuserdach-Meer über dem einige Seilbahnen schweben: die neuen Wahrzeichen von La Paz, auf die die Einwohner hier sehr stolz sind.

So, und dann beginnt die nächste Herausforderung: ihr stellt euch also vor, dass ihr noch ganz oben am Rande dieser Megastadt steht. Euer Navi zeigt euch gefühlt den Finger und ist völlig überfordert ob der vielen schmalen sich nach unten windenden Gassen. Auch hier ist offensichtlich „Markttag“: Hauptstraßen sind gesperrt, wir finden uns in einem Labyrinth aus Einbahnstraßen, wollen nach links und können nur rechts und denken zwischenzeitlich, dass wir hier offensichtlich elendig sterben werden weil wir den Ausgang zum angepeilten Campingplatz etwas außerhalb NIEMALS finden!, und irgendwie schaffen wir es nach fünf Stunden dann doch auf die richtige Ausfahrt. Wir sind ein bisschen durchgeschwitzt und überwältigt und lachen vor Erleichterung und brauchen erstmal eine kalte Brause nach diesem Abendteuer!

Im Schutze des ruhigen Campingplatzes tanken wir Energie und buchen bei Gert aus Deutschland eine Stadtführung. Er lebt seit 30 Jahren hier und kennt Ecken, Rituale, Essensgewohnheiten und Menschen in dieser Gegend. Wir sind einen ganzen Tag mit ihm in La Paz unterwegs, bestaunen die Aussichten auf schneebedeckte Vulkane, kuscheln mit kleinen Lamababys, probieren leckere „Salteñas“ (gefüllte Teigtaschen) zum Mittag, kleben förmlich mit den Augen an seinem Mund der nicht müde wird unsere Fragen zu beantworten und ganz nebenbei: hätte Gert sich den Spaß erlaubt uns irgendwo in einer kleinen Seitengasse einfach stehen zu lassen: wir wären jetzt wohl immer noch da. Bisher haben wir um Städte hier immer einen Bogen gemacht denn die Natur auf diesem Kontinent ist schlichtweg unschlagbar, aber: wir sind von La Paz total beeindruckt und fast ein bisschen verzaubert, denn trotz der Fülle an Menschen ist es erstaunlich ruhig und man hat das Gefühl, dass man immer wieder etwas neues entdecken kann. Einen Tag später machen wir noch eine Quad-Tour um den Blick von oben auf die Stadt zu genießen; wie beinahe „normal“ kleben einige schneebedeckte Vulkane am Horizont und sorgen für einen „Poster-Tapeten-Effekt“.

Nach ein paar Tagen Großstadt geht es für uns weiter in Richtung „Salar de Uyuni“, dem größten Salzsee der Welt. Die Fahrt dorthin erstreckt sich wieder über endlose Ebenen mit einer irren Landschaft mit Lamas, Vikunjas, ein paar Flamingos in kleinen Lagunen am Straßenrand und sonst nicht viel. Uyuni selber ist unspektakulär. Staubig, beinahe lustlos und definitiv mit der größten Toyota Landcruiser-Dichte die wir je gesehen haben: Touristen aus aller Welt kommen hierher um mit einer der mittlerweile mehr als 100 Agenturen auf den Salzsee und in die umliegende Natur zu fahren. Auch wir lassen Wilma auf einem gesicherten Parkplatz zurück und fahren mit Vierradantrieb, einem erfahrenen Fahrer namens Paul (is ja nicht so, dass es hier draußen Straßen gibt…jeder sucht sich seinen Weg) und dem Guide Victor mit einer kleinen Reisegruppe erst zu einem sehr beeindruckenden Eisenbahnfriedhof (Überreste vom Minenbau vor -zig Jahren) und dann in die Weiten des Salzsees. Diese Szenerie ist ganz einfach zu beschreiben: es ist irre. Das Gehirn kann nicht so richtig glauben was die Augen sehen: eine nicht enden wollende weiße Fläche aus SALZ. Unwirklich. Mystisch beinahe. Dazu zum Abend hin ein Licht, dass magisch wirkt. Tagsüber brennende Temperaturen, nachts in der umliegende Wüste eisige Kälte – hier können auch mal -25 Grad erreicht werden. Wir haben mit -7 Grad Glück und die dicken eingepackten Wollmützen helfen ebenfalls. Zwei weitere Tage fahren wir durch Mondlandschaften, bestaunen einen Vulkan nach dem nächsten, sehen flinke Chinchillas in Steinwüsten, betrachten Canyons und irre Steinformationen, kämpfen hier und da ein bisschen mit der Höhe (ohne ins Detail zu gehen: die Verdauung mag das nicht!) und bekommen mal wieder die Erkenntnis wie vielfältig dieser Planet ist und wie glücklich wir uns schätzen das hier alles erleben zu dürfen.